Wie alles anfing

Die Bewohner von Nickenich lebten bis zur Wende des 19. ins 20. Jahrhundert überwiegend von Einkünften aus der Land- und Forstwirtschaft und den dazu- gehörigen wenigen Handwerksbetrieben.

Außer kirchlichen Vereinigungen gab es nur einige organisierte Vereine im Ort. Nachbarschaften, wie sie schon damals in anderen Gemeinden existierten, ebenfalls nicht. Lediglich die engeren Nachbarn fühlten sich verpflichtet, recht und schlecht den in Not und Bedrängnis geratenen Mitbürgern zu helfen. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Raume um Nickenich aufgrund der erkannten Möglichkeiten der in der Erde vorhandenen Mineralien, eine rasch wachsende Industrie der Steine und Erden.

Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine allmähliche Umstrukturierung der Nickenicher Einwohner durch Umwandlung von Selbständigen und Tagelöhnern in selbstbewusstere Arbeitnehmer ein. Nach dem ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) verstärkte sich diese Entwicklung weiter, sodass die Bevölkerung ihren Lebensunterhalt bis Mitte der zwanziger Jahre überwiegend aus Arbeitnehmertätigkeit in der Industrie bestritt. Die zur damaligen Zeit herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse verursachten aber auch unsichere Arbeitsplätze und dadurch bedingt eine große Arbeitslosigkeit. Die damit verbundenen Einkommensminderungen und Einkommensausfälle brachten viele Familien in echte Notlagen.

Die auf Grund der Verordnung über Erwerbslosenfürsorge vom 16. Februar 1924 gewährten Unterstützungen reichten nämlich nicht aus, sich das Notwendigste zum Lebensunterhalt zu verschaffen. Die Gewerkschaften waren zudem noch recht zersplittert, sodass eine geschlossene Wahrnehmung der Interessen auch auf gemeindlicher Ebene nicht gewährleistet war. Aus dieser Notsituation heraus fanden sich einige Nickenicher Arbeitnehmer zusammen und glaubten, dass zumindest auf Ortsebene eine gemeinsame Interessenvertretung der Arbeitnehmer notwendig und nützlich sei, zumal die überwiegende Zahl der Einwohner zu den abhängig Tätigen gehörte.

Bereits 1925/26 hatten sich die Erwerbslosen von Nickenich zu einer freiwilligen Solidargemeinschaft zusammengeschlossen, die auch eine Erwerbslosenkasse einschloss. Damit sollte dem Einzelnen bei besonderen Notlagen geholfen werden. Der Gedanke an eine Gründung zur Vertretung der Arbeiterklasse reicht nach Nachforschungen und neuesten Erkenntnissen allerdings schon über fünf Jahr-zehnte zurück. So gab es bereits im Jahres 1873

„Statuten des Arbeiter-Vereins, Kranken- und Sterbe-Kasse zu Nickenich.”

gegründet den 6. Januar 1873 um die Initiatoren Joseph Waldecker, Johann Joseph Kohns, Johann Kohl, Johann Berends, Peter Andernach, Anton Engel III und Johann Peter Krings, die als Präsident, Vicepräsident, Secretair und Vorstand fungierten.

Inwieweit diese Vereinigung in der Folgezeit Bestand hatte ist leider nicht mehr nachvollziehbar denn es gibt keine Unterlagen mehr darüber.

Erst 54 Jahre später fand dann am 7. Januar 1927 (ob das Datum irgendeine Beziehung zu dem Vorherigen hat ?) auf Veranlassung von Johann Schuld, Leonhard Andernach, Jakob Klein und anderen Gleichgesinnten eine Zusammenkunft statt. Hierbei wurde beschlossen, eine organisierte Vereinigung zur Sicherung der Arbei-terinteressen in Nickenich zu gründen. (Erwähnenswert ist, dass es sich hierbei teils um die Söhne der Gründer des Arbeiter-Vereins aus dem Jahre 1873 handelt.) Diese Interessenvertretung sollte, im Gegensatz zu dem § 26 der Statuten des Arbeiter-Vereins, ausdrücklich sowohl in der Gemeindepolitik als auch in der Wahrnehmung sozial- und arbeitsrechtlicher Fragen tätig werden. Auch sollte dieser Vereinigung, wie schon 1873, eine Sterbekasse angehören.

Ein vorläufiger Vorstand, bestehend aus den Vorgenannten, wurde beauftragt, die notwendigen Schritte zur Erarbeitung der Regularien zu unternehmen. Am 21. Januar 1927 fand dann die Gründungsversammlung statt, auf der ein endgültiger Vorstand gewählt und die erarbeitete Satzung genehmigt wurde.

Hier ein Auszug aus dem Eröffnungsprotokoll:

„Um 8:30 nachm. eröffnete der erste Vorsitzende durch eine kernige, gesunde Ansprache, indem er auf Ziele und den Kurs der Vereinigung hinwies und die gegenwärtige Lage kurz streifte, die allgemeinen Beifall fand, die Generalversammlung.”

Der Verein gab sich den Namen:

Wirtschaftliche Arbeiter Vereinigung

Ziele und Aufgaben der Vereinigung sind bereits in diesen ersten Statuten klar formuliert, wie:

„Wahrung und Förderung der Interessen des Arbeiters bzw. seine Gleichberechtigung voll und ganz zu vertreten und die Wünsche und Beschwerden innerhalb der Gemeinde Nickenich zu rechtfertigen.”

oder

„Die Vereinigung wird stets bestrebt sein, mit den anderen Schichten der Bevölkerung Hand in Hand tatkräftig zum Wohle der Gemeinde mitzuarbeiten.”

Der erste Vorstand der Wirtschaftlichen Arbeitervereinigung (WAV) setzte sich wie folgt zusammen:

1. Vorsitzender Leonhard Andernach
2. Vorsitzender Josef Klein
Schriftführer Johann Schneider
1. Kassierer Peter Neumann
2. Kassierer Jakob Klein
Beisitzer Franz Lehmler

Die Vereinigung entwickelte nach ihrer Konstituierung ein äußerst aktives Wirken. So fanden alleine im Gründungsjahr acht Versammlungen statt, in denen nach den vorliegenden Protokollen die Mitglieder eifrig mitarbeiteten und auch Probleme zum Teil heftig diskutierten.

Wie weiter aus den Niederschriften ersichtlich ist, verstand sich die Vereinigung auch als Not- und Fairnessgemeinschaft, die sowohl einzelnen in Not geratenen Mitgliedern als auch aus sonstigen besonderen Anlässen (Weihnachten, Erstkommunion usw.) Unterstützung gewährte. Die Mittel hierfür wurden aus dem geringen Mitgliederbeitrag, überwiegend jedoch aus Veranstaltungen aufgebracht. Auch die kommunalpolitische Aktivität machte sich schnell positiv bemerkbar, sodass die Fraktion der Wirtschaftlichen Arbeitervereinigung im Gemeinderat die Mehrheit der Mandate innehatte und damit auch den Bürgermeister stellte.

Erster Bürgermeister aus den Reihen der WAV wurde Johann Schuld, der das Amt ab 1929 bis zu seinem Tode im Jahre 1931 führte. Sein Nachfolger, Oswald Gesell, ebenfalls ein Mann aus der Arbeitervereinigung, konnte das Amt bis kurz nach der Machtergreifung 1933 durch die NSDAP verwalten.

Bemerkenswert in der Zeit von 1927 bis 1933 ist auch die Aktivität der Vereinigung gegenüber der zuständigen Krankenkasse und der 1927 gegründeten Arbeitsverwaltung (Arbeitsamt).

Darüber hinaus wurde auch versucht, den Mitgliedern ein gewisses Bildungsangebot, insbesondere in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen, anzubieten. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, den Mitgliedern die Schaffung von verbilligtem Einkauf zu ermöglichen. Dieses aktive Wirken wurde nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten strikt verboten. In der außerordentlichen Versammlung am 2. Dezember 1933 erklärte der anwesende Stützpunktleiter der NSDAP, dass ein Weiterbestehen der Vereinigung zwecklos sei. Nach internen Beratungen durch die Versammlung am 3. März 1934 wurde dann die Umwandlung des Vereins in eine Arbeiter-Sterbekasse beschlossen. So konnte die Vereinigung über das so genannte „Dritte Reich“ hinaus nach entsprechender Änderung der Satzung gerettet werden. Jede weitere Betätigung im kommunalpolitischen Bereich und in sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Fragen musste unterbleiben.

Dieser geänderten Satzung wurde auch die behördliche Genehmigung erteilt.

In der Folgezeit fanden nur noch sporadisch Jahreshauptversammlungen statt.

Daneben wurden aber auch regelmäßig andere gesellschaftliche Veranstaltungen durchgeführt (z.B. Sylvesterbälle), um den Verein zusammen zu halten.

Vorsitzende der wirtschaftlichen Arbeitervereinigung Nickenich:

1927 bis 1928 – Leonhard Andernach
1928 bis 1929 – Johann Sattler
1929 bis 1930 – Johann Schuld
1931 bis 1933 – Oswald Gesell
1934 bis 1937 – Jakob Windheuser
1937 bis 1938 – Mathias Berends
1938 bis 1948 – Franz Elzer
1948 bis 1967 – Josef Schneider
1968 bis 1980 – Heinrich Schmitt
1980 bis 1987 – Werner Groß
Seit 1987 – Hans-Egon Schwarz

Vor der ersten Kommunalwahl nach dem 2. Weltkrieg, am 15. September 1946, fand am 18. August eine außerordentliche Versammlung statt, auf der nach alter Satzung wieder Kandidaten der Wirtschaftlichen Arbeitervereinigung zur Gemeindevertretung aufgestellt wurden.

Nach der aus Sicht der WAV erfolgreichen Kommunalwahl wurde das Mitglied Peter Schmitt zum Bürgermeister von Nickenich gewählt. Peter Schmitt trug die schwere Bürde während der schwierigen Besatzungszeit mit großem Geschick und Verantwortung. Manchen harten Strauß musste er mit der Besatzungsmacht ausfechten, insbesondere wenn es um Requirierungen ging, die nach der bedingungslosen Kapitulation rigoros durchgeführt wurden.

Mit der Konsolidierung der öffentlichen Verwaltungen in den folgenden Jahren wandte sich die Vereinigung aber wieder ihren eigentlichen Zielen zu. Auf Grund des französischen Besatzungsrechtes musste allerdings eine Neugründung erfolgen. Diese formale Neugründung fand in einer Versammlung am 15. November 1948 statt. Vereinigung, Vorstand und Satzung wurden von der Besatzungsmacht genehmigt. Die Satzung entsprach dem Inhalt nach wieder der alten Zielsetzung.

Die endgültige Fassung erhielt die Satzung in der Jahreshauptversammlung am 2. März 1958.

Seit 1946 hat sich die Arbeitervereinigung dem Satzungsauftrag gemäß in erster Linie mit der Vertretung der Interessen der Arbeitnehmerschaft erfolgreich befasst. Um eine möglichst breite Basis zur Aufstellung der Kandidaten für die Gemeindevertretung zu erlangen, wurden in eigens dazu einberufenen Versammlungen die Kandidaten nach demokratischen Gepflogenheiten benannt und gewählt.

Während der Wahlperiode 1948 bis1952 stellte die Wirtschaftliche Arbeiter-Vereinigung alle Ratsmitglieder der Gemeindevertretung. Sie hat aber auch in dieser Zeit die Interessen aller Bevölkerungsteile berücksichtigt.

Nach dem Tod von Peter Schmitt im Jahre 1950 wählte der Gemeinderat Johann Wilkes zum Nachfolger. Dieses Amt bekleidete Johann Wilkes mit seiner unnachahmlichen aber souveränen Art bis zum Jahre 1956.

Die Vertreter der Wirtschaftlichen Arbeitervereinigung im Gemeinderat sind nach dem Gesetz bei Entscheidungen zwar nur ihrem Gewissen unterworfen, aber die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass die Fraktion der WAV in enger Gemeinschaft mit der Vereinigung ihre Tätigkeit wahrgenommen hat und wahrnimmt. Dabei bringen die kommunalpolitischen Diskussionen innerhalb der Vereinsversammlungen wertvolle Hinweise und Anregungen.

 

Neben den übrigen Maßnahmen der gemeindlichen Daseinsvorsorge war es ein besonderes Anliegen der WAV, Baugrundstücke im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues zu erschwinglichen Preisen zu beschaffen und zu erschließen. Bereits kurz nach der Währungsreform im Jahre 1948 forderte der damalige Vorsitzende des Vereins und spätere Bürgermeister, Josef Schneider, auf der Versammlung am 16. Januar 1949 die Erschließung und Bereitstellung von Baugelände zur Behebung der Wohnungsnot.

Erster Erfolg war dann auch die Bebauung der Plaidter-Straße ab der Unteren Wiesenstraße. Weitere Erfolge in dieser Richtung kann der Alt- und Neubürger von Nickenich an vielen Neubaugebieten der Gemeinde deutlich erkennen.

Seit 1964 stellt die Wirtschaftliche Arbeitervereinigung ununterbrochen die Mehrheit im Gemeinderat und folglich auch die Ortsbürgermeister. 1964 bis 1967 Josef Schneider, nach dessen Tod von 1968 bis 1992 Franz Nillius und seit 1992 Gottfried Busch.

In ständigem Kontakt zur gesamten Bevölkerung des Dorfes wurden umfassende Maßnahmen der Dorferneuerungen durchgeführt. Dadurch hat sich Nickenich zwischenzeitlich zu einem bevorzugtem Wohngebiet innerhalb der Pellenz entwickelt. Dies zeigt sich auch an der gestiegenen Einwohnerzahl von seinerzeit ca. 2000 auf heute ca. 3700 Mitbürgern.

Auch durch die gesunde finanzielle Entwicklung hinsichtlich der Gemeindeeinahmen war es möglich, den Einwohnern über Jahrzehnte hinweg die Steuerhebesätze und Gebühren in einem gegenüber den Nachbarorten niedrigen Rahmen zu halten.

Zur Zeit hat die WAV 232 Mitglieder, bestehend aus überwiegend Arbeitnehmern aber auch, durch die geänderten arbeits- und sozialpolitischen Strukturen, aus Selbständigen und anderen Berufsgruppen.

Das Ziel der Wirtschaftlichen Arbeitervereinigung und ihrer Vertreter wird auch in Zukunft sein, gemäß ihrer Satzung die Interessen der Arbeitnehmerschaft in Übereinstimmung und Zusammenwirken mit den übrigen Schichten der Bevölkerung zum Nutzen aller Mitbürger zu verwirklichen.